Unsere letzten Tage auf den Hebriden

Die Zeit vergeht wie im Flug und wir müssen die Insel Lewis schon bald verlassen. Doch bevor es so weit ist, geniessen wir nochmals die herrlichen Strände und die Aussicht von weit oben. Wie es eben bei uns so ist, fahren wir am liebsten dahin, wo die anderen sich nicht hin getrauen.

Ja die Aussicht ist grandios und hat uns für den wilden Ritt voll entschädigt. Als wir wieder nach unten kommen stehen einige Wohnmobilisten vor Ihren Wohnmobilen und halten den Daumen anerkennend nach oben und die Frauen winken uns freudig zu. Leider hatte es da oben keinen Schlafplatz für uns, da alles viel zu uneben war und für Moni zu nahe am Abgrund.

Also machen wir uns weiter auf die Suche nach unserem letzten Schlafplatz auf den Äusseren Hebriden. Insgeheim denken wir uns beide, dass es doch nochmal etwas Spezielles sein sollte, denn der Abschied fällt uns schwer. Wir fahren durch ein kleines Dorf das einen Parkplatz mit Aussicht haben soll, zumindest suggeriert einem das die Tafel am Strassenrand. Also nichts wie hin und siehe da, es hat einen Parkplatz. Auf dem steht aber schon ein Wohnmobil und ein Wohnwagen. Super, da bleiben wir auf keinen Fall. Aber siehe da, es gibt noch ein kleines, sehr steiles Strässchen nach unten. Juhu, das nehmen wir, 4x4 rein und los geht es. Den 4x4 schalten wir nur zu, damit es angenehmer ist zum Fahren und falls nötig, können wir so die Untersetzung einschalten, was es nochmals angenehmer macht, da man dann nicht mehr so bremsen muss, was auf einem unebenen Kiesweg der steil nach unten geht von Vorteil ist. Und siehe da, ca. 50m über dem Strand hat es einen kleinen Platz der wie geschaffen ist für uns. Oliver meint: „Wir könnten doch auch ganz nach unten fahren.“ Also begutachten wir das Ganze zuerst zu Fuss. Doch Moni setzt sich durch und meint: „Es ist doch völlig unnötig den Willi so zu quälen.“ Ja, die Strasse ist nochmals einen Zacken steiler, dafür betoniert. Doch die vielen Kratz- und Schleifspuren überzeugen Oliver, dass wir an diesem Platz bleiben und dieser für unsere letzte Nacht würdig ist.

Wir sitzen friedlich im Willi, trinken ein Glas Wein und sprechen so über dies und das, als sich ein Schaf vor uns auf dem Hügel breitmachtund uns durch die Frontscheibe zu begutachten scheint. 

Moni springt gleich nach draussen um ein Foto zumachen.

Hinter uns hat sich inzwischen ein Auto hingestellt, dessen Fahrer offensichtlich auch die Schafe beobachtet. Wie sich nachher herausstellt, sind es seine Schafe. Er spricht Moni an, in seinem Schottischen Englisch und meint. Ist das nicht ein Pracht-Wetter in letzter Zeit. Yes yes. So spricht er immer weiter auf sie ein und Moni kommt immer näher zum Willi in dem sich Oliver befindet und sich leise amüsiert. Da Oliver jetzt immer die Antworten gibt, kommt er auch zum Willi und so ergibt sich langsam ein Gespräch, bis es Moni zu kalt wird und sie ihn fragt, ob er ein Glas Wein oder einen Kaffee möchte. Was er freudig annimmt. Also nichts wie rein in die warme Stube. Es ist ja auch schon nach acht Uhr. Endlich haben wir jemanden gefunden, den wir so richtig über die Hebriden ausquetschen können. So erzählt er uns, wie das Leben auf Lewis so ist und dass er bis diesen Frühling noch nie weg war. Nicht mal nach England, aber jetzt sei er auf den Shetlands gewesen, das habe sich gelohnt. Er schwärmt in allen Facetten von den Shetlands und zudem sei er mit dem Flugzeug da gewesen, nicht mit dem Auto und Schiff. Schon Wahnsinn, mit 61 Jahren das erste Mal Ferien, das erste Mal weg von der Insel. Er erzählt uns wie es früher war und wie sich alles geändert hat, dass das Torfstechen nicht Nostalgie sei, sondern schlicht die einzige Form wie sie heizen können, denn Heizöl können sich hier viele nicht leisten, so wie er auch. Genauso mit den Schafen, die viele Familien immer noch haben. Mit denen könne man kein Geld verdienen, weder mit dem Fleisch, noch mit der Wolle. Denn das Schaf scheren kostet 1.50£ und für ein Schafvlies bekomme er 0.50£. So lohne sich das überhaupt nicht, denn das Vlies müsste er in Stornoway abliefern, was hin und zurück ca. 30 Km sind. Man rechne.

Also nur zur Selbstversorgung. Er erzählt uns, dass früher, als er noch ein Kind war, überall Kartoffeln und Gemüse angebaut wurde. Zu diesem Zweck legte man längliche Hügel an, damit das Wasser aus dem Boden laufen konnte und nicht das Gemüse ersäufte. Doch heute lohne sich das nicht mehr, da Tesco (Einkaufs Kette) alles nach Hause liefere, schon sauber gewaschen. Auch das es hier üblich gewesen sei, dass man das Land von der Kommune auf seine Lebenszeit gemietet habe und die Kinder dann die Miete auf ihr Leben weiter übernommen hätten. Das alles sei kaputt gemacht worden, da immer mehr zahlungskräftige Ausländer wie Engländer oder auch Schweizer herkommen würden und für horrende Preise das Land kaufen würden. Ja das klingt sehr schwierig. Auf einmal fragt er uns, ob wir Lust hätten sein Croft (Land)zu besichtigen. Es sei nichts grossartiges, aber sein ganzer Stolz. Aber sicher. Nichts was wir lieber machen würden, es freut uns riesig und es ist ja erst halb elf und immer noch sehr hell. Also fahren wir mit seinem Auto ins Dorf und da an den Rand der Klippe. Wow! Das ist wirklich ein schönes Stück Land das er da hat. Ansonsten gibt es einen Schuppen, in dem er die Schafvliese vom letzten Jahr aufbewahrt. Zu unserem grossen Erstaunen riechen die Vliese überhaupt nicht nach Schaf und es sieht aus, als ob man dem Schaf den Mantel ausgezogen hätte. Er meint, falls ihr wollt dürft ihr sie gerne mitnehmen, sie haben ja keinen Wert und dann müsste ich sie nicht entsorgen. Ja das ist wohl war, aber was sollen wir damit? So bedanken wir uns für die nette Geste, aber lehnen es ein wenig bedauernd ab. Danach meint er, er habe noch eine Croft, wenn wir möchten zeige er es uns auch noch. Aber sicher, nur mal her damit. So fuhren wir noch ans anderen Ende des Dorfes und da hatte es mitten im Unkrautfeld, eine extrem saftige, grüne Wiese. Das sei seine Wiese, im Gegensatz zu seinen Nachbarn lasse er sie nicht einfach verkommen oder lasse zu viele Tiere darauf weiden, wie der Nachbar oberhalb. Ja, da waren viele Schafe, Rinder und Schweine auf einem kleinen Stück Land das völlig kahlgefressen war. Das sei eben, so ein typisch Reicher. Ein Zahntechniker aus England, der hier das einfache Leben suche, aber keine Ahnung vom Leben auf den Hebriden habe und genau so sieht es aus. 

Er zeigt uns auf seinem Land noch die Ruinen von zwei uralten Bauernhäusern, die vor mehreren hundert Jahren bewohnt waren. Auch bei ihm liegen überall alte, verrostete Landwirtschaftsgeräte herum. Er meint nur: „Bei uns geht alles viel schneller kaputt wegen der salzigen Luft.“ Na ja und irgendwann, in einigen Jahren sind sie von Pflanzen überwuchert und somit aus den Augen aus dem Sinn. Bei den Schotten reicht eben schon ein wenig Rost, dass Sie sie nicht mehr sehen.

Ja, so haben wir viel erfahren in diesen paar Stunden die wir mit Donald verbringen durften. Unter anderem auch die Erkenntnis, dass die Leute hier genau vor dem selben Angst haben wie bei uns und dass sie genauso irrational handeln wie bei uns. Das dort, wo es am wenigsten Ausländer gibt, die Angst vor Ihnen am grössten ist. Das sich alles ändert und man Angst vor der Zukunft hat, weil man nicht weiss, was kommen wird und so ist die Vergangenheit, die man ja kennt, ein sicheres Terrain. Auch wenn man zugeben muss, dass das Leben in den letzten hundert Jahren nur besser wurde. Doch das richtig zu interpretieren, scheint für viele Leute sehr schwer zu sein und darum ziehen sie leider die falschen Schlüsse. Aber eben, bei uns in der Schweiz ist es nicht anders. Es war für uns ein sehr bereichernder Abend, den wir nicht so schnell vergessen werden.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf nach Stornoway, wo wir aufs Schiff nach Ullapoor müssen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Marielle (Dienstag, 05 Juni 2018 12:23)

    Wow gseht wunderschön us! Cool hendr no so viel erfahre vom Donald. :D