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Erdbeben

Wir fahren quer durch die wunderbare Bergwelt der Abruzzen. Mit gemächlichem Tempo nehmen wir Kurve um Kurve und staunen immer wieder, wie manche Menschen ihr Leben und das von anderen aufs Spiel setzen. Oder vielleicht sind die Italiener einfach näher bei Gott oder zumindest denken sie sich das, bei dem verwegenen Fahrstil den sie hier an den Tag legen. So treffen wir nach einer Kurve auf eine gewaltige Stadtmauer.  

Als wir an ihr entlangfahren, sehen wir, dass überall Stützmauern und Gerüste gebaut wurden um die Mauer zu stützen. So beschliessen wir diese Stadt Norcia etwas genauer an zu schauen. Wir stellen unseren Willi mutig neben eine solche Stützmauer und hoffen, dass diese auch hält. Mit einem etwas mulmigen Gefühl machen wir uns zu Fuss Richtung Stadttor welches auch mit Stützen versehen ist. Mutig wie wir nun mal sind, schreiten wir durch das grosse Tor und werden sogleich von einem betörenden Duft begrüsst. Wahnsinn, an jeder Ecke die noch steht, hat es eine Salumeria und es riecht so herrlich nach den vielen Würsten und Schinken die sie sogar am Wegrand aufhängen um die Kunden anzulocken. Einer hat eine halbe Ausstellung aus seinem Laden und dem Platz davor gemacht, mit ausgestopften Wildschweinen und einer herbstlichen Landschaft. 

Leider ist der Rest der Stadt in einem eher üblen Zustand und die Folgen des Erdbebens sind noch so präsent als wäre es erst vor ein paar Tagen gewesen. Es stimmt einem schon traurig, wenn man das hier sieht. Es gibt heute noch ganze Quartiere die gesperrt sind wegen akuter Einsturzgefahr, markiert mit Plakaten, Achtung rote Gefahrenzone. 

Irgendwie beschleicht einem das Gefühl, dass die ganze Aufbau Priorität auf den Kirchen liegt. Hier sind alle Mauern abgestützt, und hier sieht man auch Handwerker die so etwas wir arbeiten. Immerhin machen sie viel Lärm, auch wenn sich nichts bewegt. Wir werden den Eindruck nicht los, dass bei den privaten Häusern gar nichts geht. So sehen wir nur einen einzigen Mann in der ganzen Stadt, der an einem privaten Gebäude mit einfachen Mitteln, Beton am mischen ist, um die Risse im Mauerwerk zu füllen.

An vielen öffentlichen Häusern hat man die Mauern einfach mit Spritzbeton eingesprüht, in der Hoffnung, dass sie so etwas stabiler sind. Doch im Laufe der Zeit wurden auch diese vom Moos und Gras neu besiedelt. So rein aus dem Bauch hat man das Gefühl, dass hier schlicht nichts geht und wir fragen uns, wo denn all die vielen Gelder die gespendet wurden und von der Regierung gesprochen wurden, eigentlich hingeflossen sind. 

Etwas ausserhalb der Stadt sehen wir ganze Quartiere mit Container Häusern. Man sieht, dass sich die Leute hier auf eine sehr lange Zeit in diesen Containern eingerichtet haben. Viele haben einen kleinen Garten vor dem Container angelegt, um der traurigen Container Siedlung zumindest etwas an Wärme und Wohlbefinden zu geben.

Aber man kann sich ja gut vorstellen, dass es sehr schwierig sein muss, sich in einem solchen Umfeld heimisch zu fühlen. Es gibt keine Piazza auf der die Alten unter den Bäumen sitzen und rum lamentieren und auch keine Kinder, die auf dem Platz fangen oder Fussball spielen. Der Laden mit Kaffee ist auch nur ein Container und wirkt noch viel trauriger als der ganze Rest. Nein, es macht einem nicht an hier länger zu verweilen. Und so suchen wir das weite, mit einem beklemmenden, traurigen Gefühl in der Magengrube. Es ist schon fast gespenstisch still im Willi, da keiner von uns etwas sagen mag.

Als wir langsam wieder zu uns finden, kommt schon der nächste Schlag in den Bauch, Amatrice. In Amatrice treffen wir das gleiche Bild an wie in Norcia, nur noch um einiges schlimmer. Hier steht eigentlich nichts mehr von der Stadt und es sieht aus, als ob gestern eine riesen Bombe eingeschlagen hätte. Die Häuser sind nur noch Steinhaufen die mit den Habseligkeiten der ehemaligen Bewohner vermischt wurden.  So sieht man zwischen den umgefallenen Mauerstücken ein Bettgestell das noch eine angezogene Matratze beherbergt oder Lampen, die immer noch in den stehen gebliebenen Hausteilen hängen. Eigentlich stellen wir uns so eher einen Kriegsschauplatz vor, als eine Stadt die vor Jahren von einem Erdbeben betroffen war. Die Strasse die durch den Ort führt wurde mit Sichtblenden ein wenig abgeschirmt, so dass man das Ausmass von einem normalen PW gar nicht sehen kann. Wir sind so schockiert, dass wir nicht mal angehalten haben um Fotos zu machen. Zudem ist alles abgesperrt, aber Du kannst uns Glauben, es ist nicht schön was wir hier sehen.

Nun, da wir das alles schon gesehen haben, zieht es uns nach L’Aquila, das ist ja der bekannteste Ort in der Gegend in Sachen Erdbeben. Schon von weitem sehen wir die vielen Baukräne. Wir zählen über 20 Baukräne in L’Aquila. Anscheinend der einzige Ort in dem etwas gemacht wird. Es wurden viele neue Häuser gebaut, bei einigen hat man versucht die aussen Mauer stehen zu lassen und von innen alles zu sanieren. Aber das alte Dorfbild ist definitiv nicht mehr das selbe, mit all den vielen Neubauten von denen die meisten extrem hässlich sind, zumindest in unseren Augen. Aber dafür sind die vielen Ruinen und Schutthaufen verschwunden. 

So machen wir uns weiter auf durch die Berge, die höher sind als wir dachten. So ist es auch nicht erstaunlich, dass wir in den folgenden Nächten unsere Heizung in Betrieb nehmen müssen, da es in der Nacht auf über 1000m auch hier empfindlich kalt ist, mit nur gerade mal 3 Grad. Da wird es dann auch mit Kuschelsöckli unter der Bettdecke ziemlich frisch.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Vreni (Montag, 26 November 2018 18:32)

    traurig....traurig.... und nicht zu verstehen, dass diese Gegend und ihre Menschen von Rom und Brüssel scheinbar völlig in Vergessenheit geraten sind.

  • #2

    s'Tanti (Dienstag, 04 Dezember 2018 19:33)

    Oh je, das ist ein trauriges Wegstück von Eurer Reise. So viel Elend...….