· 

Kasachstan II

Der Sandsturm hat sich gelegt, dafür wird es jetzt immer wärmer und es ist weiterhin staubig. Auch die Strassen werden zum Glück wieder besser.  Unterwegs sehen wir immer wieder kleinere Felder mit Ölpumpen. 

Wir sind unterwegs Richtung Oral. Das ist die nächst grössere Ortschaft und daher haben wir die Hoffnung hier Wasser für uns und Diesel für Willi zu finden. Bei einer Tankstelle, die noch sehr neu aussieht und bei der viele Auto’s anstehen, tanken wir unsern Willi und fragen sogleich nach Wasser. Diesel haben wir jetzt, Wasser leider nicht. So wollen wir wenigstens noch in einem der grossen Geschäfte unsere Lebensmittel auffüllen. Doch ausser Kleider finden wir hier nichts, und in eines der kleinen Geschäfte wollen wir nicht. Vom Büchsenfood halten wir nichts. So fahren wir weiter, bis wir einen grösseren Lebensmittelladen finden. Doch auch hier bekommen wir nur gerade das nötigste. Ein paar schrumpelige Auberginen, eine Gurke und ein paar Tomaten. Unser Kochverhalten hat sich echt verändert. Wir kochen nicht mehr nach Lust und Laune, sondern nur noch nach Angebot. Somit gehen uns langsam aber sicher die Ideen aus. Wir halten weiterhin immer Ausschau nach Wasser, aber weit und breit ist nichts zu finden. Unterwegs sehen wir immer mal wieder, so kleine Steppenbrände. Beim ersten sind wir noch erschrocken, aber anscheinend werden die gezielt gelegt, um die dürren Büsche abzufackeln und somit den Neuwuchs zu fördern.

 

Um hier einen schönen Schlafplatz zu finden, fahren wir einfach auf einer der vielen kleinen Sandstrassen und stellen uns ins weite Nichts von Kasachstan.

Wir sind unterwegs Richtung Aktobe, die Strasse führt stundenlang gerade aus, ganz selten kommt mal eine kleine Kurve. Wir sehen immer wieder Lastwagen am Strassenrand mit zerfetzten Pneu und hoffen, dass wir nicht auch mal so am Strassenrand stehen. Aber irgendwie scheint es, als ob das die Chauffeure hier nicht stresst, eher als ob sie sich daran gewohnt wären.  Denn in aller Ruhe wechseln sie ihre schweren Räder. Heute steigt die Temperatur über 30 Grad und in der Steppe fängt die heisse Luft an zu flimmern. Wir lachen noch und sagen, unser Wunsch nach einem kühlen Bad lässt uns bereits eine Fata Morgana sehen. Aber das Lachen vergeht uns schnell, denn auf einmal schreit uns Willi mit drei aggressiven Pfeiftönen an und meldet im Display „Chk. Ad Blue“. 

 

Das kann doch nicht sein. Wir haben doch genügend Ad Blue im Tank. Oliver klickt die Anzeige durch, bis der Stand Ad Blue kommt und wirklich, wir haben noch mehr als halb voll. Doch nun leuchtet die Ad Blue Tanklampe auf.

Was soll denn das. Da die Warnsymbole auf dem Display in Orange sind, machen wir uns nur halb so viel Sorgen und fahren weiter. Inzwischen liest Moni das Manual laut vor. Doch diese Meldung finden wir nirgends. So ruft sie bei Mercedes Deutschland an, aber die kann uns auch nicht weiterhelfen und meint, wir müssten bei Mercedes Russland anrufen. Die seien für Kasachstan zuständig, sie könne nichts machen. Ja super, hoffentlich können die Englisch. Doch wir beschliessen die Sache mal über Nacht ruhen zulassen. Zumal wir gerade an einem Schild vorbeigefahren sind, auf dem es heisst Rastplatz und Wasser. 

 

 

Das ist doch immerhin mal etwas Erfreuliches. So kehren wir um, um dann gemäss Wegweiser 700m in die Pampas zu fahren. Oliver ist skeptisch, doch Moni meint, fahr jetzt mal weiter, da hinten hat es viele Autos und wirklich, da hat es einen grossen Parkplatz mit einigen Autos. Doch nirgends sehen wir Leute. Sie packt unseren 5l Wasserkanister und marschiert los. Oliver muss zuerst noch kurz alles dingfestmachen und folgt ihr dann. Einige Schritte weiter unten, sieht Oliver, wie sie in mitten der Einheimischen mit ihrem Kanister ansteht.  Oliver schaut dem ruhigen Treiben fasziniert zu, bis ein Mann auf ihn zukommt und ihm die Hand schüttelt.

Leider kann er kein Englisch und Oliver ja kein Kasachisch. Da ruft er seine Frau herbei und sagt ihr offensichtlich, sie soll es mal mit Englisch versuchen. Ja, da sind wir wieder voll dabei und Oliver fängt an, mit der Frau zu plaudern und ihrem Mann die Fragen zu beantworten die er hat. Es sind meist ziemlich dieselben Fragen die uns gestellt werden. Woher seid ihr, wie lange seid ihr schon unterwegs und was hat das Fahrzeug gekostet. Das ist immer so eine Sache, bei der wir uns sehr schwer tun. Denn wir möchten die Leute nicht vor den Kopf stossen und so wiegelt Oliver immer ab und versucht auch jetzt die Frage zu umschiffen. Da kommt Moni mit einem vollen Kanister zu uns. Wow! Wie ging denn das? Da stehen mindestens 7 Leute an, mit mindesten je 10 Kanister à 5l. Sie sagt nur, weil ich so lieb bin, haben sie mich vorgelassen. Hihi, nein im ernst, sie meinten für nur einen Kanister musst du nicht so lange anstehen. So verabschieden wir uns von der Familie und machen uns zurück zu Willi. Doch der Mann schleicht immer um den Willi herum, bis Oliver die Türe aufmacht und fragt, ob er ihn von innen anschauen möchte. Da lässt er sich nicht zweimal bitten und schon steht er mit grossen Augen im Willi. Schnell ruf er seiner Frau, die sogleich mit dem Kleinen auf dem Arm in den Willi hüpft und die ältere Tochter gleich hinterher. Sie setzen sich auf die Sitze und begutachten alles ganz genau. 

Wir gehen mit Laila spazieren und kochen uns dann was Kleines, in der Hoffnung, dass wir nachher unsere Wassertanks auch noch füllen können. Da es aber um 23 Uhr immer noch viele Leute hat, die darauf warten ihren Wasservorrat aufzufüllen, beschliessen wir unsere Wasseraktion auf Morgen zu verschieben. Moni meint, dann müssen wir aber früh aufstehen, und fängt an zu rechnen. Wir brauchen alles in allem 245 Liter Wasser und bei diesem Rinsal, dass da aus der Leitung kommt, brauchen wir mindestens 2 Stunden, da können wir es nicht riskieren, dass dann wieder einige vor uns stehen. Denn wenn wir nicht wissen, ob wir noch zu einer Mercedes Garage fahren müssen, kannst du nicht erst am Abend bei denen auftauchen. Oliver meint, ach am Montagmorgen werden die Leute hier nicht schon Schlange stehen, das ist doch doof so früh aufzustehen. Wir haben ja Zeit. Aber Moni ist das zu riskant und schliesst in der Küche das Dachfensterrollo nicht ganz. Da es hier ja schon sehr früh hell ist, kann sie dann gleich anfangen mit Wasserfüllen, so ihr Plan. So hockt sie morgens um halb 6 schon mit den Wasserbehältern bei der Wasserquelle. 

Als um 7 Uhr schon einer mit seinem Auto kommt, hofft sie, dass Oliver kommt, damit wir noch die grossen Flaschen umpumpen können. Der Autofahrer fährt wieder weg und schon kommt Oliver und schleppt die grossen Wasserkanister zu Willi. Als wir schon fast fertig sind kommt schon der nächste. Oliver meint, siehst Du, wir hätten auch gut erst jetzt anfangen können, der hat ja nur zwei kleine Kanister. Aber Moni findet, jetzt sind wir früh dran und können uns um unser AdBlue Problem kümmern. Das ist doch gut so. 

Da unser Überleben mit Wasser wieder gesichert ist, können wir uns jetzt um unser Willi Problem kümmern. Oliver ruft bei Mercedes Russland an, in der Hoffnung, dass dort jemand englisch kann. Das Tonband ist auf Russisch, und wahrscheinlich müsste man jetzt, so nach dem Motto, drücken sie die eins, drücken sie die zwei, irgendetwas drücken. Aber da er ja nichts versteht, bleibt er einfach dran und wartet, bis ein anderes Tonband kommt. Hartnäckig bleibt er einfach in der Leitung, bis dann eine Frau abnimmt. Doch auch die kann kein Englisch. Sie meint nur „Momoment“, und als sie wieder am Telefon ist, sagt sie: „Koll 20 Minuts“. Nach 30 Minuten wieder das gleiche Prozedere, bis ein Englisch sprechender Mann das Telefon abnimmt. Oliver erklärt ihm lang und breit was unser Problem ist, aber leider entpuppt sich der Mann am anderen Ende der Leitung nur als Verkäufer. Aber er verspricht Oliver, unser Problem an einen Techniker weiter zu leiten. Dieser werde uns dann anrufen. Er müsse zuerst schauen, dass er einen findet der Englisch spricht. Oh je, da wir jetzt ja nicht wissen, wie lange das dauern wird, beschliessen wir weiter Richtung Aktobe zu fahren. Doch zu unserer grossen Überraschung, klingelt das Telefon schon nach ca. einer halben Stunde. Da die Telefonverbindung sehr schlecht ist, und man fast nichts versteht, fragt der Mann Oliver, ob er WhatsApp hätte, dann könnten wir ihm ein Foto von der Fehlermeldung senden und er schreibe uns dann, was wir weitermachen sollen. Das ist Oliver sowieso viel lieber. Gesagt getan, und so gibt es einen regen WhatsApp Austausch. Er will wissen, bei welcher Tankstelle wir das letzte Mal getankt haben, denn er vermutet, dass wir schlechten Diesel erwischt haben. So fragen wir ihn, welche Tankstellen er uns denn empfehlen könne. Vielleicht noch interessant zu wissen, Gazprom, Helios, und Sinooil. Da unser Tank noch halbvoll ist, beschliessen wir gleich zu tanken um den Diesel so zu mischen.

Doch es nützt nichts und die Fehlermeldung und das Gepfeife bleibt bestehen. Also melden wir uns wieder bei ihm. Er schreibt uns eine genaue Bedienungsanleitung wie wir den Fehler löschen können. Ja dann machen wir das doch gleich mal. Motor aus, Zündung ein, Gaspedal drücken bis das Glühkerzenzeichen leuchtet. Doch dieses Zeichen fängt nie an zu leuchten, also alles nochmals von vorne, doch auch nach mehreren Versuchen klappt es nicht, obwohl wir es in allen Versionen versucht haben. Also schreiben wir ihm, dass sein Trick nicht funktioniert hat. Er meint, vielleicht liegt es daran, dass der Motor zu heiss sei, wir sollen es im kalten Zustand nochmals versuchen. Also gut. Dann machen wir es am nächsten Morgen, denn dann ist der Motor ganz sicher kalt. 

So fahren wir also samt Fehlermeldung weiter, was uns nicht gross stört. Ausser, dass es jedes Mal beim Einschalten dieses Pfeifkonzert gibt. Aber wenigstens wissen wir jetzt, dass es nur am schlechten Diesel liegt. Am nächsten Morgen versuchen wir es erneut, doch das Löschen des Fehlers geht trotz kaltem Motor immer noch nicht. Also schreiben wir ihm, dass es auch bei kaltem Motor mit seinem Trick nicht zu löschen sei. Da wir nichts mehr von ihm hören, versuchen wir es mit unserem Fehlerauslese-Gerät und siehe da, der Fehler und das Gepiepe ist weg. Hurra! Ohne Fehler im Display lässt es sich viel beruhigter fahren und zudem wissen wir, dass er so, niemals in den Kriech-Modus fällt. Denn so muss er ja immer wieder von neuem die Fehlermeldungen zählen. So fahren wir den ganzen Tag durch die nicht enden wollende Steppe von Kasachstan und staunen immer wieder über die Weite dieses Landes. Auf einmal fängt das Gepfeife wieder an. Nein, bitte nicht. Also fahren wir an eine Helios Tankstelle, betanken ihn wieder und wollen den Fehler löschen. Doch nun geht es auch mit unserem Kästchen nicht mehr. Gelassen wie wir geworden sind, denken wir, dass es sicher zu warm ist und wir den Fehler Morgen wieder löschen können. Gesagt, getan. So machen wir uns auf zum Aral See, wo wir den Schiffsfriedhof aufsuchen wollen. Trotz intensiver Suche finden wir den Weg nicht. Auch sagen die verschiedenen Blogs und Reiseführer alle etwas Anderes. Im iOverlander-App gibt es Koordinaten die man direkt ins GPS von maps.me übernehmen kann und so fahren wir, anhand von diesen Koordinaten eine Schotterpiste der übleren Sorte, Richtung See bis es zu dunkel wird, um noch einigermassen zuverlässig den Schlaglöchern auszuweichen. Nach dieser anstrengenden Fahrt machen wir uns noch etwas zu essen und ab ins Bett. Um 23.15Uhr poldert es an der Türe. Oliver springt auf, zieht sich an und packt die Ausweise. Das ist ja aus Erfahrung das, was sie sehen wollen. Obwohl hier in Kasachstan hatten wir so noch nie Besuch. 

Und wirklich, es sind zwei Militärpolizisten, die uns erklären, dass dies Militärsperrgebiet ist. Wir können schon noch hier schlafen, müssen aber morgen zurück Richtung Aral. Das ist aber nett. Zudem gibt es die gestrandeten Schiffe überhaupt nicht mehr, da sie verschrottet worden sind. Super und für das haben wir uns diese Strasse angetan. Um 5 Uhr hupt ein Auto, ein Mann steigt aus und kommt zu uns. Da er aber Moni, die die Türe öffnet, nicht versteht, zieht er unverrichteter Dinge wieder ab und wir versuchen nochmals etwas zu schlafen, doch das geht nun nicht mehr. Wir wälzen uns nur noch ein wenig hin und her, bis Moni das erlösende Wort „Kaffee?“ sagt und der Tag so beginnen kann.

Nun wollen wir es nochmals versuchen mit unserem Fehlerauslese-Gerät, und siehe da, Willi ist kalt und der Fehler kann wieder gelöscht werden. Nun steht die 35 Km lange Rückfahrt nach Aral vor uns und Oliver kriegt nur schon Kopfschmerzen beim Gedanken daran. 

Während der Fahrt werden wir von einem Adler besucht. Die Tierwelt ist wirklich faszinierend. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Tiere hier weniger scheu sind als bei uns. 

Da wir gerne wieder mal ein, zwei Tage am selben Ort bleiben möchten, weil es sehr warm (36 Grad) und anstrengend ist, fahren wir ca. 150 Km weiter zu einem anderen Teil des Aralsees, wo wir direkt auf einer kleinen Landzunge die in den See führt, unseren Willi parkieren können. So schön. Hier können wir die vielen Vögel, Pferde und Kamele die wir in unmittelbarer Nähe haben, gut beobachten. Hier wollen wir bleiben. Oliver holt das Stativ aus der Garage und montiert das grosse Teleobjektiv am Fotoapparat. Es ist schon faszinierend die Tiere einfach nur zu beobachten. Auf einmal kommt ein Reiter im Galopp auf uns zu. Bremst ab, dass der Staub nur so durch die Luft wirbelt, steigt ab und streckt Oliver die Hand entgegen und will wissen was das sei. Oliver meint, er solle doch mal durchschauen, aber irgendwie klappt das nicht wirklich. Denn als Oliver ihm erklärt, zum scharfstellen müsse er kurz auf den Auslöser tippen, drückt er zu fest und es gibt ein Foto. Das erschreckt ihn und er will nicht mehr. Kurzes Händeschütteln und schon sitzt er wieder auf seinem Pferd und galoppiert davon. 

Laila spaziert immer wieder alleine am See entlang und kühlt sich die Füsse und wir geniessen den lauen Wind der uns um die Nase weht. Das tut mal richtig gut. Nur mit einem erfrischenden „Schwumm“ im See wird leider nichts, denn als wir durch das knietiefe Wasser waten, sinken wir bis über die Fussgelenke im sumpfigen Boden ein.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0