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Kirgisistan III

Am nächsten Morgen fahren wir noch das kurze Stück bis nach Bischkek. Wir haben das Gefühl, wir fahren schon seit einer Ewigkeit durch Bischkek. Diese Stadt ist ja riesig. Endlich meint unser Navi, sie sind angekommen. Moni beginnt die Wäsche zu sortieren, während Oliver den Waschsalon sucht. Nach einer Weile kommt er wieder und meint, keine Ahnung wo das sein soll, ich finde nichts. Eigentlich müsste es ja gleich hier um die Ecke sein, aber hier ist nichts. So macht sich Moni auf die Suche. Sie hat nur kurz jemanden gefragt und ist dann über eine Aussentreppe in ein Gebäude gegangen. 

Hmm. Hier hat es aber nur ein Beautycenter und eine weitere Holztür. Das Beautycenter kommt ja wahrscheinlich nicht in Frage, so klopft sie an die Holztür. Niemand öffnet. Aber es muss ja hier sein, so ruft sie Hallo und macht die Türe auf. Tatsächlich, ein ganzes Zimmer mit Waschmaschinen. Hier sind wir richtig. Eine jüngere Frau sitzt auf einem Sofa und begrüsst sie freundlich. Leider hat sie nur einen Tumbler, aber dafür 5 Waschmaschinen. Aber wir haben ja Zeit, und das Restaurant nebenan, sieht einladend aus. Also können wir uns hier sicher die Zeit gut vertreiben. Auf dem Retourweg fragt sie auch gleich im Restaurant, ob es ok sei, wenn wir hier im Schatten parkieren. Wir wollen Kleider waschen und in der Zwischenzeit hier essen. Freudestrahlend geht sie zurück zu Oliver und verkündet die frohe Botschaft. Oliver hat natürlich gar nichts dagegen, dass wir hier parkieren. 

Da wir nicht die ganze Zeit im Restaurant verbringen wollen, gehen wir zurück zum Willi. Moni sitzt mit Laila draussen und geniesst die gute Telefonverbindung, als ein älterer Mann sie einfach unter dem Arm „anstubst“. Hei, was soll denn das? Er hat eine ziemliche Alkoholfahne und will Geld. Er lässt sich einfach nicht abwimmeln. So geht Moni mit Laila zu Oliver in den Willi. Aber der Mann lässt nicht locker und macht einfach den Fliegenvorhang auf und fragt jetzt Oliver nach Geld. Dieser wird jetzt aber ziemlich wütend und meint er solle verschwinden. Für Alkohol gibt es sowieso kein Geld. Aber er macht einfach wieder den Vorhang auf, so dass es Oliver zu bunt wird. Er geht raus und verscheucht den Mann. So, jetzt ist endlich wieder Ruhe. Zwischendurch kann Moni immer wieder einen kleinen Teil der Wäsche holen und gleich zusammenlegen und versorgen, aber das mit dem trocknen dauert noch ewig. So beschliessen wir, nochmals ins Restaurant zu gehen, denn schliesslich stehen wir ja immer noch bei denen auf dem Parkplatz. Wobei die das hier eigentlich gar nicht stört.

Als wir endlich unsere ganze Wäsche trocken haben, sind wir doch ziemlich erstaunt über den Preis. Sie rechnet 660 KGS. Moni will ihr 800 KGS geben, aber sie will das Geld nicht annehmen. Erst als sie ihr sagt, wie froh und dankbar wir sind und dass sie schliesslich wegen uns bis um 20.30 Uhr warten musste, nimmt sie das Geld und bedankt sich herzlich. 

 

Die Fahrt durch Bischkek führt uns an allen Sehenswürdigkeiten vorbei, viele sind es ja nicht gerade.

Wir suchen uns ausserhalb von Bischkek einen Schlafplatz und diskutieren über unsere nächsten Tage, denn wir haben von der Spomer GmbH ein Mail erhalten, dass unsere Pässe voraussichtlich nächsten Mittwoch in Bischkek bei der DHL abgeholt werden können.

 

Da es schon frühmorgens brütend heiss ist, beschliessen wir in die Berge zu fahren, zum Yssyköl See. Das ist der zweitgrösste Gebirgssee auf der Welt (6236km2) und auf 1600m Höhe ist es sicher wieder kühler. Aber vorher müssen wir unseren Überlebensvorrat noch aufstocken. So fahren wir in Tomok zu einem kleinen Laden wo Oliver noch Bier und Wein kaufen möchte. Als wir so im Laden stehen, meint die Frau: „Guten Tag, sprechen sie deutsch?“ Erstaunt fragen wir sie, wie es kommt, dass sie Deutsch spricht. Ihre Mutter hat früher, zu sowjetischen Zeiten in der DDR gearbeitet. So verabschieden wir uns und Moni fragt sie noch, wo wir hier Hundefutter kaufen können. Sie meint, ein bisschen weiter vorne sei ein grosser Supermarkt. Also weiter zum Supermarkt. Oliver verstaut gerade unseren Einkauf im Willi und Moni unsere Vorräte in der Garage, als sie von einem Mann angesprochen wird. Er stellt sich als Nurlan vor, er sei der Mann von der Frau im kleinen Laden. Sogleich fragt er, wo denn ihr Mann sei. Sie geht zu Oliver und meint: „Komm mal raus, jetzt hast du jemanden der alle deine Fragen wegen der Polizei und so beantworten kann.“ Er sagt uns, dass die Bussen hier Maximum 3000 KGS sind. Sie tauschen die Telefonnummern aus, denn er meint, wenn wir wieder in einer solchen Situation sind, sollen wir ihn anrufen, er erkläre denen dann die Rechtslage schon. Nach einer geraumen Weile verabschieden wir uns und wir fahren los. Unterwegs fahren wir noch an einer Wasserstelle vorbei, wo wir nochmals alles auffüllen. 

Ach die Tage vergehen immer so schnell, wir schaffen es gerade noch bis zum Anfang dieses Sees und suchen uns dort gleich einen Platz. Wir bekommen Besuch von einer mageren Hundemama. Wenig später zeigt sich dann auch der kleine Rollmops. Kein Wunder ist die Mama so spindeldürr. 

Am nächsten Morgen fahren wir weiter, denn wir möchten einen schönen Platz, wo wir alleine sind und wenn möglich direkt am See. Wow, wir werden fündig. Wir machen eine kleine Pause und Nurlan schreibt uns, wir sollen doch am späteren Nachmittag nach Cholpon Ata fahren. Dort gibt es ein ganz spezielles Freiluftmuseum zu sehen, mit einer der grössten Petroglyphen-Sammlungen. Die Region des heutigen Museums war einst ein heiliger Ort, an dem die Schamanen ihre Rituale praktizierten. Das tönt ja interessant und ist nicht weit von unserem Platz entfernt. Also fahren wir gemütlich dorthin und können direkt vor einem riesigen, eingezäunten Feld mit Felsen und Steinen parkieren. Der Eintritt kostet 80 KGS pro Person. Das Sonnenlicht ist um diese Zeit wirklich perfekt. Doch auf einmal ziehen dunkle Gewitterwolken auf und als die ersten Regentropfen fallen, verlassen die wenigen Besucher fluchtartig das Feld. Wir finden, es ist so warm, da machen die paar Tropfen doch nichts. Es sind dann leider nicht nur ein paar Tropfen, aber irgendwie macht es auch Spass. Es passt zu diesem mystischen Besuch. Wir schauen uns fast jeden Stein ganz genau an, denn es sind nur wenige markiert, hier muss man die Zeichen auf den Steinen selber suchen. Es dauert nicht lange, und die Sonne kommt wieder hervor. Die Steine sind sogleich auch wieder trocken. 

Aber jetzt freuen wir uns auf unseren schönen Platz am See. Also nichts wie los. Am nächsten Morgen, von der angenehmen Temperatur beflügelt, wird Willi wieder mal geputzt und nachher schnappt sich Moni die Badehose. Die wird doch jetzt nicht in diesen Bergsee hüpfen? Mit Laila als treuer Begleiter im Schlepptau wagt sie sich ins kühle Nass. Doch Laila genügt es, nur bis zum Bauch ins Wasser zu gehen. 

Ach ist das herrlich, schliesslich galt der Yssyköl See früher als Kurort. Nach dem erfrischenden Bad, legt sie sich in den warmen Sand, während die warme Sonne die Wassertropfen in kurzer Zeit trocknen. Auf einmal kommt Oliver und sagt: „Du, die von der DHL haben ein Mail geschrieben. Wir können unsere Pässe abholen. Ich habe jetzt geschrieben, wir holen sie heute oder morgen ab.“ Moni ist entsetzt: „Was? Es ist doch erst Montag, die haben doch geschrieben, dass sie ab Mittwoch in Bischkek sind?!“ Schade. So fragt sie ihn, ob er auch noch duschen will, denn sie gehe noch duschen. Während dem Duschen ruft Oliver, wenn er daran gedacht hätte, dass wir ja kalt duschen müssen, da wir ja immer noch keine Heizung haben, hätte er darauf verzichtet. Schade, soviel Essen und Wasser, wir hätten locker noch eine Weile hierbleiben können.   

 

Da Nurlan gerade anfragt, wann wir nun nach Bischkek gehen, schreiben wir ihm, dass wir uns in ca. zwei Stunden auf den Weg machen. So fahren wir wie angekündigt los. Unterwegs gehen wir nochmals Wasser füllen, da diese Wasserstelle sehr gut war. Als wir gerade auf der Höhe von Tokmok sind, kommt ein WhatsApp von Nurlan. «Wo seid ihr?« Oliver «Schon bald in Tokmok.» Stille, so fahren wir weiter, bis wieder ein WhatsApp kommt.

Nurlan «Wir sind gastfreundlich. Könnt ihr heute zu mir fahren ich habe drei Kinder und die würden sich freuen, meine Frau auch. Und morgen könnt ihr nach Bischkek fahren.» 

Nurlan «Sie könne ein grosses Zimmer in meinem Haus haben. Das kostet nichts. Das geht ohne Geld. Ich lade Sie einfach zu Besuch ein. Bitte nicht Ablehnen. 🙏👍»

Nurlan «Bitte überlege und gib mir eine Antwort 🙏👍»

Ubs. Wir beschliessen kurz anzuhalten um die Situation zu besprechen. Denn inzwischen sind wir an Tokmok vorbei. Aber gut, das soll uns ja nicht hindern, diese sehr nette Einladung anzunehmen. Also schreiben wir ihm zurück.

Oliver «Das ist aber sehr nett von Dir. Gerne kommen wir heute bei Dir vorbei, aber wie Du ja weisst, haben wir unser Haus und unser Bett immer dabei.» 

Also warten wir nun bis er uns sagt wann und wo. Doch da kommt auch nach langem Warten nichts. Also schreiben wir ihm.

Oliver « Um welche Zeit sollen wir kommen und wo hin?»

Nurlan «Kommen Sie jederzeit in die Stadt Tokmok» 

Nurlan «Sie können in den Laden kommen» 

Also gut. Wir machen uns also auf, zurück nach Tokmok, und versuchen den Laden wieder zu finden in dem Nurlans Frau arbeitet. Moni geht in den Laden, den wir als den richtigen auserkoren haben und siehe da, wir sind am richtigen Ort. Nur, dass seine Frau nichts von Nurlans Einladung weiss. So versucht sie ihn mit dem Telefon zu erreichen, was nach einigen Versuchen auch gelingt. Innert kürzester Zeit ist Nurlan da und wir folgen ihm mit Willi, zu ihm nach Hause. Seine Frau muss den Laden schliessen, damit, wie sich später herausstellt, sie uns bewirten kann. Uh, das war uns etwas peinlich, denn als sie uns versorgt hat, ging sie wieder in den Laden, denn der hat bis 22 Uhr offen. Inzwischen lernen wir alle seine Kinder kennen, ausser, seine älteste Tochter. Sie lebt in Bischkek und ist verheiratet und hat einen Sohn. Leider müssen wir zu unserer Schande zugeben, dass wir die Namen der Kinder nicht mehr wissen. Aber was uns noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird, sie sind alle super nett und so herzig. Der kleine sechsjährige, und seine ältere zehnjährige Schwester und der grössere Bruder, der schon 17 Jahre alt ist und bereits Auto fahren darf, wie er uns voller stolz erzählt. Wir sitzen im Wohnzimmer und sprechen über das Leben in Kirgisistan und Nurlan zeigt uns voller Vaterstolz das Hochzeitsalbum seiner Tochter. Wow, das war ja eine richtige Märchen Hochzeit in Weiss, mit allem Drum und Dran. So richtig Europäisch und Zivilisiert, wie uns Nurlan erklärt. Nur dass es ein wenig mehr Leute bei der Hochzeit habe als bei uns. So von mehreren Hundert bis zu einigen Tausend. Wir staunen nicht schlecht, denn das muss ja ein Vermögen kosten. Nur schon das Hochzeitskleid habe 2000 US$ Miete für den einen Tag gekostet. Aber es ist halt aus Italien. 

Danach machen wir auch Fotos mit allen Kindern, leider ist der älteste nicht mehr hier und so begnügen wir uns mit den Kleinen und Nurlans Neffen, der mit seiner Mutter hier in den Ferien ist.   

Kurz nach 22 Uhr kommt Jamal, die Frau von Nurlan von der Arbeit und Nurlan meint, dass wir nun alle zusammen noch ausgehen. Er wolle uns ein super schönes Hotel mit Kaffee und Tanz zeigen. Also nichts wie hin. Nach gut einer halben Stunde erreichen wir diesen sehr speziellen Ort, weit ausserhalb der Stadt. Unglaublich, aber hier geht die Post ab, obwohl es ein ganz normaler Montagabend ist. Wir spazieren so durch die grosse Anlage und staunen immer wieder. Auf dem künstlichen See hat es eine Art kleiner Flosse, die einen Tisch und Bänke haben. Mit einem kleinen Motorboot kann man sich so zu einem der Tische fahren lassen und da in aller Ruhe Essen und Trinken. Und überall die kitschigen, leuchtenden Palmen und Blumen und ganze Bäume mit künstlich leuchtenden Blüten.

Wir müssen überall Fotos zusammen machen, da gibt es nichts zu diskutieren. Als wir wirklich alles, bis ins letzte Detail gesehen haben, machen wir uns auf den Heimweg. Da es ja jetzt noch etwas zu essen geben soll, gehen wir in das grosse Einkaufszentrum. Das ist, wie so viele Läden hier, rund um die Uhr geöffnet und als wir da waren, um ca. 00.30 Uhr hat es unglaublich viele Leute die da am Einkaufen sind. Zurück zu Hause macht sich Jamal gleich daran uns wieder zu verköstigen, obwohl wir eigentlich Tod Müde sind. Aber gut. Das Essen ist sehr gut und es kann ja nicht schaden vor dem Schlafen noch etwas zu uns zu nehmen. Doch danach müssen wir uns wirklich hinlegen, denn unser Lebensrhythmus ist mehr dem Tageslicht angepasst, als an der Uhrzeit. So verabschieden wir uns und machen uns auf ins Bett. Nurlan fragt uns, wann wir morgen loswollen. Wir sagen ihm, um 9Uhr. So verabschieden wir uns und verbringen eine herrlich ruhige Nacht im Garten von Nurlans Haus. Um 9 Uhr sind wir schon abfahrtsbereit, inklusive Morgenspaziergang. Aber von Nurlan ist nichts zu sehen. Um 9.45 Uhr kommt er und meint, oh schon bereit? So öffnet er das grosse Tor und wir können rückwärts auf die Strasse fahren. Er fragt, ob er sich mal ans Steuer setzen darf und möchte natürlich, dass wir Fotos machen. Er würde uns auch gerne noch die Berge um Tokmok zeigen, doch wir müssen wirklich weiter, unsere Pässe warten. Wir fahren noch kurz bei Jamal im Laden vorbei und bedanken uns nochmals ganz herzlich für die Gastfreundschaft. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Leve (Freitag, 28 Juni 2019 13:28)

    Gastfreundschaft darf man nicht ablehnen, solange man keine Sachen essen muss, die ungenießbar sind.

  • #2

    s'Tanti (Freitag, 28 Juni 2019 20:43)

    Wow, ist das wieder ein interessanter Reisebericht mit wunderschönen Fotos.
    Oliver hast Du die "Wein Therapy" gemacht ?
    Das nenn ich aber Gastfreundschaft, so nett, diese Familie.