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Villa Winter auf Fuerteventura

Das war aber eine windige Nacht, direkt am riesigen Sandstrand von Cofete. Eigentlich ist da Zelten verboten, aber da wir ja im Auto schlafen betrifft uns das nicht. Das dachten sich noch drei andere Camper die auch da übernachteten. Der Wind kam von den Bergen her und nicht wie gedacht vom Meer und rüttelte uns die ganze Nacht durch. Doch der Himmel ist heute strahlend blau und so denkt sich Oliver, wenn Moni am Hampeln ist, gehe er doch mal schön an den Strand mit Laila. Das von schön ist so eine Sache. Es windet so stark, dass man richtiggehend sandgestrahlt wird. Laila findet das gar nicht lustig, denn bei ihr landet der ganze Sand in den Augen. Na ja, dann wird offensichtlich nichts mit Strand.

Doch auch Moni hat es inzwischen auf einen Stand gebracht, dass wir bald loskönnen. Denn heute wollen wir die sagenumwobene Villa Winter besichtigen. Also nehmen wir die holprige Strasse unter die Räder und ab ins Abenteuer. 

 

Einen Besucher-Parkplatz gibt es nicht und so parken wir in der Einfahrt. Zum guten Glück sind wir so früh, dass es noch Platz hat. Beim Eingang sitzt ein alter Mann der weder auf unsere Begrüssung „Hola“ noch auf unser „Buenos Dias“ reagiert. Auf dem kleinen Tisch der vor ihm steht, hat es ein „Kässeli“, doch nirgends steht ein Preis. An der Türe sehen wir dann einen Zettel, auf dem in verschiedenen Sprachen steht, dass das Museum frei sei und dass man sich bei einer Spende nicht erwehren würde.

Der Hintergrund ist, dass das Museum von keiner Stelle unterstützt wird, weder von Spanien noch von der Insel Fuerteventura und auch nicht von Deutschland. Nun gut, wir geben mal 10.- € und begeben uns in den Innenhof. 

An einer Türe steht „empujar“.  „Stossen“, was aber noch schwierig ist, denn es hat einen Riegel mit dem die Türe abgeschlossen ist. Na ja machen wir mal auf, denn sonst wären unsere 10.- € etwas viel, nur für einen Innenhof. Auf der anderen Seite der Türe ist ein Raum mit vielen Gegenständen aus der Nazi Zeit. Rumps, wird die Türe durch den Wind wieder aufgeschlagen. Da es an der Innenseite der Türe auch einen Riegel hat, schliessen wir diesen. Moni meint, der Raum ist ja nicht so gross, dass wir es nicht hören, wenn jemand kommt.  So besichtigen wir die vielen Sachen und Dokumente die hier ausgestellt werden. Man fragt sich, was die Nazis hier auf Fuerteventura eigentlich wollten. Auf einmal hämmert jemand an der Türe und versucht den Riegel durch das kleine Loch zu öffnen. Moni ruft auf jede Sprache die ihr in den Sinn kommt: „Moment, ich komme“. So öffnet sie die Tür. Ein Spanier steht vor uns und fragt auf Englisch: „Wer schliesst mich da aus meinem Haus aus?“ Wir versuchen ihm zu erklären, dass der Wind die Türe ..... und schon wird sie wieder vom Wind aufgeschlagen. Er lacht und meint, der Wind sei heute furchtbar. Auch er sichert jetzt die Türe mit dem Riegel. Er stellt sich als Pedro Fumero vor. Er sei der rechtmässige Besitzer der Villa Winter. Okay, jetzt ist er nicht mehr zu halten und er fängt an, seine ganze Familien Geschichte zu erzählen. Das draussen beim Eingang sei sein Onkel, der lebe schon sehr lange hier und habe noch für Winter gearbeitet. Leider können wir seiner Geschichte nur halb folgen, denn die Mischung aus zwei Worten englisch und drei Worten spanisch ist am Anfang ziemlich gewohnheitsbedürftig. Doch je länger er erzählt, desto einfacher wird es. Er erklärt, dass die ganze Welt versuche zu vertuschen was die Villa Winter eigentlich war. Ein Nazi Bunker für die höchsten Nazis. Er zeigt und erklärt uns, was die einzelnen Gegenstände sind und fragt uns dann im Anschluss immer gleich, wenn doch die Villa Winter kein Nazi Bunker war, sondern nur eine friedliche Villa eines reichen Deutschen, warum hat es dann solche Sachen hier? Ja, schon spannend, wieso man ein bombensicheres Telefon in die Wand baut oder wieso es U-Boot Batterien, Waffen und Munition hier hat. Auch Dokumente und Karten, die alle auf etwas Anderes, als auf eine friedliche Villa schliessen lassen. 

Da wir uns sehr interessiert zeigen, meint er, ob wir den Bunker im Keller sehen wollen, der sei eigentlich nicht offen für Besucher. Aber hallo, auf jeden Fall wollen wir den sehen. 

Inzwischen befinden sich auch noch zwei junge deutsche Männer im Raum. Pedro fragt sie, ob sie englisch könnten und ob sie auch Lust hätten mehr zu sehen und zu erfahren. Auch sie sind der Sonderführung nicht abgeneigt. So nimmt er seinen Schlüsselbund und sperrt eine Türe auf. Er meint, bitte keine Fotos machen, nur Licht mit dem Handy machen. Leider gibt es hier keinen Strom, denn die Regierung weigere sich, ihm einen Strom Anschluss zu geben. Auch das Dorf Cofete habe noch nicht so lange Strom. Eigentlich wolle man auch nicht, dass die Leute hierherkommen und so versuchen sie auch immer ihn hier zu vertreiben, was ihnen bis heute nicht gelungen sei. Auch wenn sie schon mal sein Auto und einen Hausteil angezündet haben. Immer zeigt er uns Fotos zum Beweis auf seinem Handy. Puah, wenn das stimmt ist es wirklich heftig. Wir steigen eine Treppe hinunter, die sich offensichtlich im Turm befindet. Unten angekommen stehen wir in einem Raum, den er als Küche bezeichnet und meint, die sagen es sei eine Küche gewesen. Doch seiner Ansicht nach ist das nicht möglich. In einer Ecke hat es einen Tisch aus Stein mit Abguss. Er

 ist so lange, dass gut eine Person darauf liegen kann. So meint Pedro, das war ein Operationstisch. Daneben steht ein kleiner Ofen. Unmittelbar neben diesem Ofen sieht man Spuren an der Wand, die zeigen, dass da noch ein zweiter, massiv grösserer Ofen da gewesen sein muss. Er zeigt uns Fotos im Vergleich zu Auschwitz und die Ähnlichkeit ist schon sehr erstaunlich. Pedro vermutet, dass dies ein Operationssaal und Krematorium war. Hier sollen seiner Ansicht nach Nazis eine Gesichtsoperation bekommen haben, um anschliessend in Südamerika ein neues Leben zu beginnen. Weiter im Bunker hat es diverse Räume. Immer wieder zeigt er uns im Verputz Schatten, die auf eine ehemalige Türe schliessen lassen oder er schlägt mit einer Eisenstange gegen Wände um zu zeigen das es dahinter hohl ist und weitergehen muss. So kann er ganz genau zeigen, wo die Tür war. Denn zwei Zentimeter daneben klingt es hart und nicht mehr hohl. Auch das sogenannte Bad und WC ist spannend denn genau über dem WC ist ein Fenster, dass in den Nachbarraum geht. Kein Mensch würde so etwas planen, oder? Auf dem Internet sieht man ja manchmal auch so Häuser mit Balkon, aber ohne Balkontüre oder andere Sachen. Aber komisch ist es auf jeden Fall. So geht es noch einige Zeit weiter und wir staunen immer wieder. Am Schluss zeigt er uns ein Foto vom Innenhof von früher. Im Innenhof hatte man nur Kakteen angepflanzt und es sah genauso aus, wie vor dem Haus.

Wieso sollte jemand innen Kakteen pflanzen, wenn er unendlich viele dieser Gewächse vor dem Hause hat. Seine Antwort. Da war ein geheimer Eingang und darauf nur wenig Erde zum tarnen und Kakteen sind so genügsam, dass sie so wachsen können. Er meint die Nazis hätten den Eingang gesprengt. Dafür hätte es Zeugen gegeben. Wieder schlägt er mit der Eisenstange auf den Boden und wirklich, es klingt nicht so, wie zwei Meter weiter drüben.

Nun zeigt er uns noch ein altes Foto von der Aussenfassade von früher und meint, seht ihr den Unterschied? Ja, da gibt es ein Fenster mehr als früher. Er nimmt das Metallgestell das das Fenster zuhält weg und macht den Holzladen auf. Schaut nur mal rein. Es ist ein langer Gang der ganz klar nach Bunker Röhre aussieht. Oder schaut euch mal diese überdimensionalen Kamine an, wer braucht schon so viele und so grosse Kamine für so eine kleine Küche. Pedro sagt, und die wollen mir weismachen, dass dies eine ganz normale Villa von einem ganz normalen Deutschen war, der nichts mit den Nazis zu tun hatte.  Ja inzwischen glauben wir das auch nicht mehr und ja, wenn nur die Hälfte stimmt was er uns erzählt hat, ist es ein absoluter Wahnsinn. Auf jeden Fall stimmen wir mit ihm überein, als er sagt, das ist Geschichte und warum kann man nicht dazustehen. Warum will man es vertuschen. Das ist Geschichte. Genauso wie Franco und Musselini. 

Den ganzen restlichen Tag beschäftigt uns das Gehörte und Gesehene noch. Doch nun müssen wir zurück nach Morro Jable, denn Willi hat seit gestern kein Diesel mehr, zumindest sagt uns das die Tankuhr, was anhand der gefahrenen Kilometer eigentlich kaum möglich ist. Aber wir gehen lieber auf Nummer sicher.

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Kommentare: 1
  • #1

    s'Tanti (Samstag, 15 Februar 2020 17:33)

    Recht schöne Villa, eigenartige aber interessante Geschichte. Immer schön, wenn man als Tourist nicht in der grossen Meute mitlaufen muss und vom Eigentümer persönlich geführt und auf Details hingewiesen wird.